Mein Weg


Wenn wir unseren eigenen Weg finden, der im tiefsten Inneren ursprünglich für uns vorgesehen ist, stellen wir oft fest, dass alle Schritte auf unserer Lebensreise, die wir auf allen möglichen Pfaden - oft vielleicht nur wenige Kilometer - gegangen sind, Teile einer einzigen grossen Strasse sind. Und wenn wir dann an einer Weggabelung angekommen sind, ist es eben doch nicht so ganz einfach.


Wir sind dann so verwirrt, nicht nur was unsere Lebensreise allgemein angeht, sondern an jedem Tag, den wir erleben. Manchmal fühlen wir uns grossartig, unsterblich, unwiderstehlich, und an anderen Tagen können wir uns selbst nicht leiden. Wir explodieren in unserer Wut und leben unseren Hass aus, und wir erleben Zeiten der tiefsten Liebe und Ekstase. Manchmal sind wir sehr spirituell und die Jahre unserer Meditation scheinen endlich Früchte zu tragen, und dann versinkt all dies plötzlich hinter den Horizont und unsere „weltlichen“ Gefühle stürzen über uns zusammen. Die Hälfte unserer Zeit scheinen wir im Rhythmus der Welt mit all ihrer Gier, Selbstzufriedenheit, und auch Freude zu tanzen. Und in der anderen Hälfte meditieren wir über höhere Wahrheiten…


Mit diesem verwirrten Geist ist es nicht einfach den richtigen Weg zu finden, einen Weg zu einem mehr menschlicheren Leben mit ein wenig mehr Tiefe und Verständnis.


Über vier Jahrzehnte habe ich viele verschiedene Formen von Meditation geübt; in einigen habe ich ein tiefes inneres Verstehen und Veränderungen meines Innersten erfahren. Und wenn ich heute auf meine lange Reise, die mich nicht nur durch viele Länder, sondern auch durch meinen eigenen Geist geführt hat, dann muss ich feststellen, dass es in dieser ganzen Zeit immer einen festen Mittelpunkt gab. Egal, wo ich mich gerade aufhielt und welcher Übung ich mich gerade unterzogen habe, da war immer Chanoyu, die japanische Teezeremonie, die mich auf allen dieser Wege begleitet hat. Sie ist mein morgendliches Ritual, wo immer ich mich gerade aufhalte.


Manchmal wundere ich mich, wie etwas so Einfaches, wie das Zubereiten einer Schale grünen Tees, eine so stabilisierende Wirkung auf meinen Geist haben kann. Chado (der Teeweg) begleitet mich auf meinem Weg durch die Höhen und Tiefen des Alltags.


Denn es spielt eigentlich wirklich keine Rolle, welches „Objekt“ wir mit unserer Hingabe und der Meditation auswählen - es gibt nichts was nicht zutiefst spirituell ist: das Teeblatt, der Regen, die Erde, der Himmel, der Mensch.


Jeder von uns hat ganz verschiedene Möglichkeiten mit seinem zerstreuten Geist umzugehen, um inneren Frieden und Gelassenheit zu finden.


Für mich ist es ein Weg zu mehr Harmonie und die Bündelung meiner Energien in ein psychisch und physisch gesünderes Leben. Und je mehr ich mich der Schlichtheit des Chado hingebe, desto weiter trägt er mich - weiter als es jede Meditation es je getan hat. Tee ist meine Zen-Übung. Hier lösen sich meine Gier, mein Ego und meine weltlichen Wünsche, ebenso wie meine Besitztümer in einer Schale Tee auf. Und ich kann all das mit meinen Freunden mit dieser Schale Tee teilen. Beide, der Tee- und der Zenweg sind Wege der direkten Erfahrung: "Über einen Weg sprechen, ist nicht dasselbe, wie einen Weg gehen!" (frei nach Laotse).


Natürlich ist der Teeweg nicht der einzige Weg, ein spirituelles Leben zu verwirklichen. Ich sitze immer noch jeden Tag in der Stille, erlaube aber, dass Chanoyu einen grossen Teil meines Lebens einnimmt. Chanoyu erschliesst mir die innere Stille, Gelassenheit und die Gegenwärtigkeit, die ich in meinem täglichen Leben benötige. Zazen schenkt mir die Kraft dafür in diesen gegenwärtigen Moment einzutauchen. Ich liebe die Stille im Teeraum, die spielenden Schatten auf den Papierschiebefenstern und das Schimmern der schwarzen Glasur meiner Schale. Und gerade weil mir dies so vertraut ist, spielt es auch keine Rolle, ob ich nun gerade in meinem Teeraum sitze, den Sonnenuntergang an einem stillen Weiher geniesse oder in einem recht trostlosen Hotelzimmer meine Schale Tee trinke:


     cha-zen-ichi-mi

     Tee und Zen - ein Geschmack


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▶︎ Wabi-cha