Zeichen des Erwachens

Mittwoch, 3. Juni 2020 12:26

Als ich den Zen-Mester Seiko Hirata während meines Trainings einmal fragte, was denn "Erleuchtung" sei, lachte er herzlich und sagte: "Mach Dir darüber keine Gedanken!"

Nun, irgendwie hat er wohl doch gespürt, dass es mir mit meiner Frage durchaus Ernst war; und einige Tage später rief er mich zu sich: "Du hast mich nach der Erleuchtung gefragt, und ich kann Dir nur sagen, dass ich diese Frage nicht beantworten kann, denn ich weiss nicht, was Erleuchtung ist. Nur folgendes kann ich Dir dazu sagen: Erleuchtung ist nicht etwas, was man haben kann oder nicht haben kann. Sie macht aus Dir keinen besseren Menschen oder gar einen Heiligen. Du wirst die gleichen Sorgen und Probleme haben, wie jeder andere auch; nur vielleicht wirst Du ein wenig besser damit umgehen können. Du arbeitest an Deinem Koan, und irgendwann - wenn Du tief genug eingedrungen bist - wirst Du die Antwort wissen. Und das ist sehr wichtig, denn dann wird sich die Tür einen kleinen Spalt öffnen, und Du kannst etwas von diesem Licht ahnen, das sich Dir zeigt. Ich weiss nicht, was Erleuchtung ist; vielleicht werde ich es im Augenblick meines Todes wissen, vielleicht aber auch nicht. Das ist alles, was ich Dir dazu sagen kann."

Jahre später haben wir im Garten des Tenryu-ji diese Unterhaltung fortgesetzt und haben festgestellt, dass es auf dem Weg zu  einem geistigen "Erwachen" einige "Zeichen" gibt (ich nannte sie "Hürden", die man überwinden muss). Diese Hürden muss jeder auf dem Weg früher oder später überwinden, um ein tieferes Verständnis zu erlangen. Viele fürchten sich vor diesen "Zeichen", weil sie denken, sie sind verrückt geworden. Und einer der Gründe, warum man einen guten Zen-Meister braucht, ist die Hilfe, die er geben kann, um gerade diese "Hürden" zu überwinden. Bleibt man auf halbem Weg stehen, kann man sich wirklich schaden.

Diese "Zeichen" treten im Allgemeinen währen intensiver Meditation auf und sind recht klar zu unterscheiden, wenn auch die Tiefe und Intensität stark schwanken kann. Tatsächlich sind diese "Hürden" natürlich nicht einzeln und getrennt betrachtbar, sie ergänzen und bedingen sich immer auch gegenseitig.

1. Unser Körper schmerzt und fühlt sich unwohl, oft wie vor einer kommenden starken Grippe. Hirata-Roshi führt dies auf tiefe körperliche Veränderungen zurück. Nicht zu verwechseln mit den "normalen" Schmerzen der Beine oder des Rückens während der Meditation. Geht vorüber, kann aber gelegentlich - oft noch verstärkt bis zum Erbrechen oder Fieber - wieder auftauchen.

2. Das Gefühl grosser innerer Traurigkeit ohne nachvollziehbaren Grund. Es sind "Ablösungen" aus unserer eigenen Vergangenheit, die dieses Gefühl auslösen. Es ist so, wie wenn wir einen geliebten Ort, an wir lange gelebt haben verlassen, um in eine neue Wohnung umzuziehen. So gern wir auch an dem neuen Ort "ankommen" möchten, hängen uns doch noch diese vielen Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen des alten Lebensortes nach; und das macht uns traurig. Geht vorüber.

3. Weinen ohne besonderen Grund. Dies gehört eigentlich zu dem oben unter 2. beschriebenen Gefühlen. Wir lassen den Tränen freien Lauf. Es hilft uns enorm und ist ein heilender Prozess, sich von alten Dingen, Erlebnissen und Erfahrungen zu lösen. Geht vorüber.

4. Plötzliche berufliche Veränderungen. Ein sehr weit verbreitetes "Zeichen". Indem wir uns selbst wandeln, so soll sich auch unsere Umgebung wandeln. Wie möchten den "idealen" Beruf oder die beste Position für unsere Karriere finden. Auch das geht vorüber. In dieser Zeit machen wir vielleicht viele unterschiedliche Pläne und nehmen die unterschiedlichsten Beschäftigungen an, bevor wir dann schliesslich dort landen, wo alles passt und wir uns wirklich wohlfühlen.

5. Rückzug aus der Familie. Mit unserer biologischen Familie sind wir karmisch verbunden. Wenn wir beginnen aus dem Kreislauf des Karma auszusteigen, lösen sich auch die alten Verbindungen. Und es sieht so aus, als würden wir uns von unserer Familie entfremden. Geht vorüber; und wir finden eine neue Form der Beziehung, ohne die alten karmischen Verbindungen.

6. Ungewöhnliches Schlafverhalten. Wahrscheinlich wachen wir in manchen Nächten zwischen 2:00 und 4:00 Uhr morgens auf. In unseren Köpfen herrscht in einer Zeit intensivster Meditation oft das reine Chaos; und wir wachen auf, damit wir wenigstens mal wieder "Luft holen" können. Kein Grund zur Sorge, wenn wir nicht wieder einschlafen können: statt sich schlaflos im Bett zu wälzen und zu grübeln, sollten wir aufstehen und irgendetwas sinnvolles tun. Geht vorüber.

7. Starke Träume. Das schliesst durchaus Schlachtengetümmel, Krieg, Horrorstories und Monsterjagden mit ein. Wir lassen hier angestaute Energien in unserem Innersten los, die sich eben oft in Kriegen, Wegrennen, Verfolgungen und ähnlichem äussern. Geht vorüber.

8. Physische Orientierungsschwierigkeiten. Manchmal fühlen wir uns "abgehoben" und haben den Boden unter den Füssen verloren. Manchmal wandern wir auch "zwischen den Welten". Wenn unser Bewusstsein sich beginnt zu wandeln, kommt der Körper machmal nicht mehr ganz mit und hängt hinterher. Abhilfe: viele Spaziergänge in der freien Natur, um sich wieder neu zu "erden". Geht vorüber.

9. Intensive Selbstgespräche. Wir bemerken, dass wir immer öfter Selbstgespräche führen. Und plötzlich bemerken wir, dass wir uns bereits seit über einer halben Stunde irgendwelche Klatschgeschichten erzählen. Eine ganz neue Ebene der Kommunikation scheint sich in unserem Wesen breitgemacht zu haben; und das, was wir empfinden scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Die Selbstgespräche werden intensiver werden, dahinfliessen, und auch gelegentlich eine innere Einsicht hervorbringen. Wir sind nicht verrückt geworden - wir sind Lichtarbeiter, die sich mit einer neuen Energie beschäftigen.

10. Gefühl der Einsamkeit, selbst in der Gemeinschaft mit anderen. Wir fühlen uns allein gelassen und getrennt von unseren Mitmenschen. Wir haben das Gefühl, vor Gruppen und Menschenansammlungen fliehen zu müssen. Als Lichtarbeiter gehen wir auf einem einsamen, heiligen Pfad. Wenn diese Gefühle der Einsamkeit uns ängstlich machen, ist es in diesem Moment oft schwer sich anderen mitzuteilen. Dieses Gefühl der Einsamkeit hat auch damit zu tun, dass uns unsere Führer, Ratgeber und Meister verlassen haben, die uns unser Leben lang bis jetzt begleitet haben. Es war Zeit loszulassen, so dass wir diesen Raum neu mit Licht füllen können. Wenn wir an dem Punkt der Einsamkeit angelangen, wird es für die meisten schwierig. Doch da müssen wir durch; manchmal schmerzt es körperlich; die Einsamkeit kann so stark werden, wie wir es uns nie vorstellen können. Wenn wir an diesem Punkt stehen bleiben, schaden wir uns ernsthaft, und jeder (gute!) Zen-Meister beobachtet sorgfältig und greift ein, wenn nötig. Einmal hindurch, sind wir niemals mehr einsam - allein, ja - aber nie mehr einsam. Geht vorüber.

11. Verlust der Leidenschaft. Wir werden "leidenschaftslos" mit relativ wenig Antrieb irgendetwas zu tun. Das ist in Ordnung so und einfach nur Teil des Prozesses. Nehmen wir uns die Zeit "nichts zu tun". Es hat wenig Sinn dagegen anzukämpfen - es geht vorüber. Es ist so ein bisschen wie wenn wir unserem Computer neu starten. Wir müssen einfach erst einmal ein bisschen Abschalten um neue, sehr feine Software zu laden, und dann wieder neu starten.

12. Ein tiefes Verlangen nach Hause zurückzukehren. Dies ist wohl die grösste Herausforderung für uns. Wir haben dieses tiefe und überwältigende Verlangen selbst den Planeten zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Dies ist kein "selbstmörderisches" Gefühl und führt auch (meistens) nicht zum Suizid. Es hat auch nichts mit Ärger, Überdruss oder Frust zu tun. Und an diesem Punkt wollen wir uns auch nicht mitteilen, um das "Drama" für uns und andere vielleicht noch zu vergrössern. Da gibt es einfach diesen Teil von uns, der "nach Hause" möchte. Der Grund dafür ist einfach: wir haben den karmischen Kreislauf (ich nenne es einfach mal so…) verlassen. Wir haben unseren Vertrag erfüllt. Nun sind wir bereit, ein neues Leben zu beginnen, wenn auch im gleichen physischen Körper. In diesem Wandlungsprozess "erinnern" wir uns wieder ganz klar, wie es "auf der anderen Seite" ist. Sind wir bereit für eine "neue Runde auf dem Karussell"? Sind wir bereit, uns neuen lichtvolleren Aufgaben zu widmen? Natürlich können wir uns einfach davonmachen, aber jetzt sind wir schon so weit gekommen. Nun wollen wir auch noch das Ende des Films sehen; und: unser Körper braucht uns an diesem Punkt des Wandels. Und Erwachte werden dringend benötigt für all die anderen auf dem Weg. Und der Weg, den wir jetzt gehen, ermöglicht uns ganz neue und wundervolle  Erfahrungen als Lehrer zu machen.

Wie dunkel und mühevoll der Weg auch gelegentlich sein mag - es geht vorüber!