Cha-Zen Ichimi

Mittwoch, 3. Juni 2020 12:20

Ohne Gesicht war anfangs der Teeweg.
Eifer, Beherrschtheit allein
sein natürlich Gesetz.
Doch, ob Regeln es gibt, ob nicht,
gibt nur den Willen man auf,
folgt wie ein Wunder die Wandlung.

                                                                (Dento-roku)


Es ist wirklich der Geschmack, der den Unterschied macht - der Geschmack des Augenblicks, der Menschen und des Ortes. Bereite ich eine Schale Tee zu für meine Gäste, werde ich zum Diener; und wenn mein Gast die Schale Tee mit ganzem Herzen annimmt, wird er zum Gastgeber. Das ist der wahre Geschmack des Tees und das Wesen der Zeremonie.

Die meisten Zenmenschen halten sich mit Formalitäten, Stil oder einer bestimmten Technik meist nicht lange auf. Sie lieben es zu improvisieren - im Einklang mit ihrem Gefühl, ihrer Umgebung und den Menschen.

Es war einer dieser heiss-schwülen Spätsommertage im ländlichen Virginia, als wir nach einer längeren Wanderung mit einer Gruppe von Zenmönchen gegen Abend im Haus von Asha ankamen. Die Dämmerung setzte langsam ein und brachte etwas Kühle.

Wir zündeten die Laternen an, und langsam fanden sich auch unsere Gastgeber mit ihren Freunden ein, um mit uns unter dem Blätterdach des Gartens an einfachen Holztischen und Bänken Platz zu nehmen. Über einem Holzfeuer hing eine alte Eisenkanne in der das Wasser langsam zu kochen begann.Wie vertraut war uns doch dieses Summen im Kessel - wie der Wind, der in den Kiefern singt. Die Nacht umhüllte uns langsam mit ihrer Stille und ihren Schatten.

Unsere Gastgeberin kam von der Küche her und brachte eine grosse Schüssel aus einfacher Keramik mit. Am Kopfende des Tisches stellte sie die rustikale Riesenschale vor sich hin und lächelte uns voller Freude und Erwartung an. Sie wußte natürlich, dass die meisten von uns in formeller Teezeremonie ausgebildet waren; einer der Freunde war sogar ein hoher Lehrer aus Kyoto. Asha verbeugte sich und sagte: „Ich werde Euch jetzt einen Tee zubereiten“, und verschwand unter der Bäumen, wo sie kleine Zeige abbrach und zum Tisch trug. Sie brachte die Zweige in Form und umwickelte das Ganze mit einem Stück Bastschnur, die sie aus einem Bündel zog, das über dem Zaun hing. Sie lachte, denn das Kunstwerk hatte nur sehr entfernte Verwandtschaft mit einem Teebesen, wie wir ihn kannten. Mit klaren und ruhigen Bewegungen faltete sie farbige Papierstücke, die sie als Servietten vor jeden Gast legte.

Eine Freundin zog ein Sandwich aus ihrem Rucksack, brach es in kleine Stücke, und reichte jedem von uns ein Stück. Mit einer schlichten Eleganz nahm unsere Gastgeberin einen der alten silbernen Kaffeelöffel und gab etwas Tee aus einer Blechdose in die große Keramikschüssel. Sie goss heisses Wasser über das grüne Pulver, und schlug mit dem Zweigbesen den Tee, bis sich ein dichter Schaum an der Oberfläche gebildet hatte. Sie drehte die Schale zweimal ihren Gästen zu, von denen einige Christen, einige Moslems, einige jüdisch und andere buddhistisch waren. Jeder von uns nahm nacheinander das Brot und aß es, und wir tranken alle aus derselben Schale den Tee. Einer der Mönche begann mit weicher Stimme das Herz-Sutra zu rezitieren, und die sanften Töne bahnten sich einen Weg tief in unsere Herzen.

In diesem Moment waren alle - niemand.Wie der Tisch. Wie die Schale. Wie der Himmel. Der Geschmack des Zen - ein Schluck Tee. Oder waren es Hostien und Wein?

"Cha Zen Ichimi"
Tee und Zen - ein Geschmack