Der Morgen...

Montag, 28. Mai 2018 10:49

Langsam schlage ich die Augen auf. Es ist noch völlig dunkel. Irgendein Geräusch muss mich geweckt haben. Die Erinnerungen an Gestern tauchen wie ein Film wieder vor meinen Augen auf:  Es war früher Nachmittag, als wir unser Boot auf den Strand schoben, und uns im warmen Sand ausstreckten. Wir hatten ein wenig geschlafen, als uns laute Kinderstimmen aufschreckten. Wir hatten gedacht, daß dies ein unbewohntes Stück Strand sei. Aber hier kam schreiend eine Horde Kinder auf uns zugerannt. Uns war nicht so ganz geheuer; die Abenteuer von der Insel B. saßen uns noch in den Knochen, und ein Menschenleben galt in der Näher der Insel nicht viel. 

Aber hinter den Kindern wurde ein jüngerer Mann sichtbar, der uns freundlich begrüsste und und einlud, ihm zu folgen. Wir kamen in ein kleines Fischerdorf von vielleicht 15 Hütten. Wir wurden gastfreundlich begrüsst und für die Nacht eingeladen zu bleiben. Es wurde ein herrliches kleines Fest mit einem Gastmahl uns zu Ehren irgendwo an einem malaiischen Strand.

Die Schönheit des Dorfes hatte mir fast den Atem genommen - ich hatte nicht geglaubt, daß es so etwas noch gibt. Und dann das Festmahl; das ganze Dorf war versammelt. Und ich saß die ganze Zeit einem alten Mann gegenüber, den alle mit sehr großem Respekt behandelten. Sein Gesicht war faltig und alt, aber sein Körper schien irgendwie jung geblieben zu sein. Er bewegte sich schneller und sicherer als die anderen alten Leute. 

Aber wir konnten uns nur mit Händen und Füssen verständigen, da er weder Englisch noch eine andere Fremdsprache beherrschte. Wir lachten viel, reichten uns gegenseitig Speisen und Getränke, und der dunkle Schatten in meinem Innern wurde langsam etwas blasser. Am Ende des Festes hielt der alte Mann eine kleine Rede an uns, von der wir kein Wort verstanden. Einer der jungen Leute übersetzte mir aber, dass der alte Mann mich morgen früh wecken würde, um mit mir ans Meer zu gehen.

Daran denke ich gerade und bin noch nicht ganz wach, als jemand die Leiter zu unserer Pfahlhütte hinaufsteigt. Jean, mein Begleiter, schläft noch fest, als der alte Mann leise eintritt, etwas flüstert und mir ein Zeichen gibt, ihm zu folgen. Ich schlage das Moskitonetz zurück, wickle den Sarong um meine Hüften und klettere die Leiter hinunter.

Der alte Mann macht mir ein Zeichen, zu schweigen, und ich folge ihm, an den wenigen Hütten der Dorfes vorbei zu einem Palmenhain. Am Rande des Wäldchens setzen wir uns nebeneinander in den Sand. Der alte Mann fasst mich an der Schulter und zeigt mir, wie ich richtig sitzen soll. Im Mondlicht ahne ich den weißen Strand vor mir und höre das Meer rauschen. Ich entspanne mich - alles ist ruhig und still.

Ganz langsam wird es heller. Der Urwald hinter uns erwacht mit seinen unzähligen Stimmen. Die Sonne steigt aus dem Meer. Es ist ein unglaublicher Anblick. Eine tiefe Ruhe kommt über mich, keine Gedanke kreisen mehr in meinem Kopf. Zum ersten Mal seit Jahren ist der dunkle Schatten ganz verschwunden. Gestern und Morgen scheinen nicht mehr zu existieren. Ich sitze hier und bin zufrieden.

Als die ersten Sonnenstrahlen uns erreichen, steht der alte Mann auf, und ich folge ihm ruhig über den Strand - fühle den weichen Sand unter meinen Füssen, als sei es das erste Mal - bis nahe ans Wasser. Er schaut mich mit lachenden Augen an und beginnt sich zu bewegen. Oft habe ich mich morgens in Singapore an den Tai Chi-Übungen beteiligt, aber noch nie hatte ich einen Lehrer gesehen, der sich so vollendet bewegt hat: in Zeitlupe mit einer unbeschreiblichen Harmonie und Geschmeidigkeit. Er lacht über mein Staunen und bedeutet mir mitzumachen. Ich beginne mich zu bewegen, so wie ich es bei den Tai Chi-Meistern in Singapore gelernt habe. Jeder für sich. Ich tue mich schwer. Ich muss die Augen schließen, um mich besser konzentrieren zu können. Nun langsam gehen meine Bewegungen harmonischer ineinander über.

Der alte Mann fasst mich an; seine Hände lösen die letzten Verspannungen in meinem Körper. Ich gebe mich ganz dem Rhythmus seiner Bewegungen hin - bewege mich im Einklang mit ihm und harmonisch fließt eins ins andere: Wir lösen uns, drehen uns, bewegen uns gegenläufig, finden wieder zusammen - alles in einer unendlichen Ruhe.

Ich nehme meine Umgebung war. Ich sehe die Palmen, die Wellen des Wassers, die Vögel - höre ihre Stimmen, das Rauschen der Brandung. Und plötzlich durchflutet mich ein unbeschreibliches, nie gekanntes Gefühl der Wärme - ein Gefühl des Glücks:

Ich nehme die Bewegungen einer Möwe über mir auf -
bin ganz Vogel.
Ich schwinge mich in die Luft -
bin der Sand unter meinen Füssen -
bin biegsame Palme im Wind -
bin Welle in der Brandung ...