"Ichigo - ichie" - Das Leben im Augenblick

Freitag, 12. Januar 2018 20:17

Ichigo - ichie. Diese Schriftrolle hängt oft in der Bildnische meines Teeraums. Sie erinnert mich daran, dass jeder Augenblick des Lebens einzigartig und unwiederholbar ist. Vielleicht ist es mal wieder Zeit, ein wenig zurückzuschauen, zu reflektieren... Lange bin ich ja nun schon auf dem Tee- und Zenweg unterwegs und habe auch keine der Pfützen und Schlaglöcher ausgelassen. Auf viele mir wichtigen Fragen habe ich auch im Zen- Kloster keine Antwort gefunden - aber im Lauf der Zeit sind die Fragen deutlich weniger geworden. Nur noch wenige bleiben übrig... 

„Wer bin ich?“ ist für die meisten von uns eine dieser wichtigen Fragen. Was stellen wir uns eigentlich vor, wenn wir dieses Wort „Ich“ benutzen? Als ich ein Kind war, hielt ich mich für nichts anderes als ein Kind und war glücklich, wenn ich mit meinem Spielzeug spielen konnte. Später, als junger Mann, fühlte ich mich stark genug, um mit allem fertig zu werden, und dachte, jedem und allem in dieser Welt die Stirn bieten zu können. Als ich 1986 von meiner langjährigen Tee- und Zenausbildung zurückkam und von Urasenke als Repräsentant eingesetzt wurde, dachte ich noch, dass ich die (Tee-) Weisheit gepachtet hätte - welch ein großartiger Irrtum! Natürlich hatte ich alle Formen der Teezubereitung erlernt; vom Teeweg aber, und was er wirklich bedeutet, hatte ich keine Ahnung. 

Und jetzt stehe ich längst im letzten Viertel meines Lebens, vielleicht auch  ein wenig gereifter und weicher ; nichtsdestoweniger geniesse ich das Leben und meine Freunde, und sehe mich als einen Mann, der mit einer wundervollen Familie gesegnet ist. Im Moment habe ich also ein Bild von mir, das sich gänzlich von all meinen früheren Bildern unterscheidet. Und vielleicht habe ich in einigen Jahren wieder ein gänzlich anderes Bild von mir vor Augen. Welches dieser Bilder ist also das wirkliche „Ich“? Und es wird mir deutlich, dass es keine besondere Identität gibt, die ich ganz mein Eigen nennen könnte und die immer bei mir bleibt, unverändert und unveränderbar. 

Aber es gibt etwas, das all die vergangenen Jahre unverändert geblieben ist, während sich alles andere verändert hat. Und das ist ein Gefühl der „Anwesenheit“, das Wissen, dass ich existiere. Was ist denn dieses Empfinden oder Gefühl von „Ich bin“, das sich in all den Jahren nie geändert hat? Dieses „Ich bin“ ist nichts anderes als „Mu Shin“, über das ich schon mehrfach geschrieben habe, und das Hirata-Roshi meist mit „absichtsloser Geist“ übersetzt hat. 

Wir können dieses „Ich bin“, dieses Gefühl der „Anwesenheit“, dieses „Mu-Shin“ am besten spüren, wenn wir morgens aufwachen. Da gibt es diesen winzig kleinen Moment, wenn unser Bewusstsein noch nicht die Führung übernommen hat; da können wir unsere bewusste Anwesenheit, unsere Existenz fühlen. „Ich bin“, nicht als Individuum, sondern einfach „Anwesenheit“ als solche. Dieses „Ich bin“ bedeutet auch „was ist, ist“, denn in dem Moment, indem wir mit unserer Umgebung in Beziehung treten, indem der Gedanke von einem „Ich“ als getrennte Persönlichkeit auftaucht, machen wir uns klein und vergessen, dass wir Schöpfer und Schöpfung gleichzeitig sind. 

Und was habe ich nun in all diesen Jahren speziell auf dem Teeweg gelernt? 

Eigentlich spielt es keine Rolle, welchen Weg man sich aussucht und es spielt auch keine Rolle, welche Form wir auswählen. Wir suchen uns eine Übungsform aus, erlernen sie und wenden sie täglich an. Wir können mit einem Lehrer arbeiten, allein oder mit anderen in einer Gruppe. Und wir tun dies immer wieder und es wird schließlich unsere Fähigkeiten uns zu öffnen, stärken. Es bringt uns dazu, mehr im augenblicklichen Moment zu leben und nicht der Vergangenheit nachzuhängen oder in die Zukunft zu träumen.Wir entwickeln Geduld und Mitgefühl mit uns selbst und anderen gegenüber. Wir sitzen, bereiten eine Schale Tee und fühlen, was wirklich in uns drinnen vor sich geht. 

Was aber, wenn wir nun tatsächlich etwas auf dem Teeweg erreichen? „Sei glücklich darüber“, ist die erste Antwort... Die zweite, viele wichtigere Antwort ist, dass der Teeweg nicht so sehr dazu dient, einen besonderen Geisteszustand zu erreichen, auch dies ist der Vergänglichkeit unterworfen - wir können ihn nicht festhalten. Aber jedem Moment mit großer Achtsamkeit und offenem Herzen und klarem Geist begegnen, das ist die Frucht der Übung. 

Und was ist das Wertvollste, das man aus all dem lernen kann? 

Wenn wir sterben, haben wir wahrscheinlich nur noch ganz wenige Fragen, vielleicht auch nur eine: Habe ich gelernt richtig zu leben? In Freiheit? Wahrhaftig? Oder anders: Habe ich genug geliebt? 

Alles in unserem Leben ist irgendeinem Maß unterworfen, aber wenn es wirklich zu den Quellen geht... Habe ich genug geliebt? Wenn der Tod uns an der Schulter berührt und sagt: So, das ist Dein letzter Tanz, Du hast noch ein paar Gedanken, dann ist es vorüber... Was bleibt dann übrig? Was liegt uns dann am Herzen? 

Was der Teeweg uns öffnen kann, ist eine Möglichkeit - auch inmitten der Schwierigkeiten. Es ist diese Möglichkeit zu lernen, freier zu sein in diesem ewigen Auf und Ab in den Wechselfällen des Lebens mit seinen Freuden und seinem Leid. Und sich so öffnen zu können - zu lieben. Und nicht mehr ängstlich zu sein, diese Liebe auch zu zeigen und sie ganz zu fühlen. 

Der Teeweg findet statt inmitten einer Welt, die voll ist von Eindrücken, Tönen, Geräuschen und Veränderungen. Der Grund, warum wir uns all diese Mühe machen ist, dass wir lernen nicht nur zu leben - sondern MEHR zu leben; die Menschen, die uns umgeben wirklich zu sehen, die Natur klar zu empfinden - durch einen Park gehen und die Bäume betrachten können, ohne daran zu denken, welche Rechnungen noch zu bezahlen sind. Mehr zu leben, indem wir unser Herz öffnen - auch uns selbst gegenüber - in die letzten Winkel unseres Geistes zu schauen, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist - zu lieben - Mitgefühl zu zeigen. Und - weil es wohl unser innigster Wunsch ist - unsere eigene innere Natur zu entdecken - in einen Zustand des Einsseins - „Ich bin“ - zurückzukehren. Zu verstehen, wer wir wirklich sind, und was das alles zu bedeuten hat, in das wir hier hineingeboren wurden. 

Dies ist wirklich das einzig Wichtige. Alles andere ist vergänglich. Deshalb richten wir unsere ganze Aufmerksamkeit darauf, was dieser ganze Prozess von Leben und Tod wirklich ist. Und um dies tun zu können, ist es notwendig, Achtsamkeit und Bewusstsein auf der Basis einer inneren Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln, dass wir in der Lage sind zu sehen und zu hören. 

Hierzu brauchen wir Mut - es ist nicht leicht. Wir entwickeln einen Geist der alles, was uns widerfährt, klar widerspiegelt. Ich weiß nur zu gut, wie schwierig das ist, und auch wie entmutigend. Und wir nehmen es vielleicht als eine Herausforderung an oder auch als Geschenk. Oder auch als einen Fluch, indem wir uns beschweren oder rebellieren.Wir können aber auch achtsam rebellieren, wenn wir dies tun möchten... 

Das Herz desTeewegs ist ein Geist des sich Öffnens und der Entdeckung des Sehens und Fühlens. Sitzen, Tee zubereiten - sich üben, die Aufmerksamkeit zurückzubringen, sich konzentrieren, achtsam sein, gelassen den Atem beobachten, den Körper, die Gefühle, den Geist und all die Bewegungen, die wir machen. Und wir sehen, wie wir damit verbunden sind. Wie sie manchmal Schmerz verursachen oder auch Freude. 

Kurz vor seinem Tod sagte Aldeous Huxley, nachdem er mit vielen geistigen Lehrern und Gurus im Laufe seines Lebens zusammengearbeitet hatte: 

„Es ist fast beschämend festzustellen, dass nun alles Lernen darauf hinaufläuft etwas freundlicher zu sein. Freundlich zu sein, bedeutet, ganz hier in der Gegenwart zu sein.“