Über den Ursprung des Zen

Freitag, 12. Januar 2018 12:22

Zen ist, wie auch die gebräuchliche Benennung "Zen-Buddhismus" zeigt, eine Form des Buddhismus. Wie allgemein bekannt ist, wurde die buddhistische Religion im alten Indien vom Buddha Shakyamuni (etwa 563-483 v. Chr.) gegründet. Die Darlegungen des Buddha wurden in Form von Sutren zunächst in Pali, später in Sanskrit festgehalten, und diese Texte wurden ab der zweiten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts in China bekanntgemacht. Es ist überliefert, dass der Mönch An Shih-kao schon um das Jahr 170 n. Chr. Texte des Theravada-Buddhismus ins Chinesische übersetzte.

In den folgenden 350 Jahren wurden viele weitere Sutren des Theravada- und Mahayana-Buddhismus ins Chinesische übertragen. Unter den Übersetzern finden sich so bekannte Namen wie Kumarajiva (350-409) und Buddhabhadra (gest. 420). In der zwanzig bändigen K'ai-yüan-Liste buddhistischer Texte aus dem Jahre 730 sind nicht weniger als 5048 buddhistische Schriften aufgeführt.

Viele dieser ins Chinesische übertragenen buddhistischen Schriften wurden unter den Gebildeten Chinas bekannt. Diese versuchten, die aus Indien stammenden Schriften aufgrund ihrer eigenen taoistischen und konfuzianischen Traditionen zu verstehen. So ergab es sich, dass der indische Buddhismus mit dem traditionellen chinesischen Gedankengut verschmolz und sich eine neue, typisch chinesisch-buddhistische Denktradition formte. Diese neue, eindeutig chinesische Form des Buddhismus wurde auf dem Festland bald sehr einflussreich, und um das sechste Jahrhundert entstand die Bewegung, die wir Zen-Buddhismus nennen. In der Tang-Zeit (618-906) entfaltete der Zen-Buddhismus dann seine größte Kraft.

Die chinesischen Zen-Texte berichten, dass der Gründer des Zen ebenfalls aus Indien gekommen sei und Bodhidharma geheißen habe. Es gibt auch Gelehrte, die die Geschichtlichkeit dieser Person in Zweifel ziehen. Auch ist der genaue Zeitpunkt der Ankunft von Bodhidharma unklar, doch wird in diesem Zusammenhang oft die erste Hälfte des sechsten Jahrhunderts genannt. Im Gefolge des Sechsten Patriarchen des Zen, Hui-neng (638-713), hat sich Zen in China als Form des Buddhismus etabliert. Gegen Ende der Tang-Zeit erschienen viele berühmte Zen-Meister wie zum Beispiel Chao-chou (jap. Joshu; 778-897), Linchi (jap. Rinzai; gest. 866), Tungshan (jap. Tozan; 807-869) und Yün-men (jap. Ummon; 864-949). Durch sie verbreiteten sich die Lehren des Zen in ganz China.

In Japan waren es vor allem die japanischen Mönche Eisai Myoan (1141-1251) und Dogen Kigen (1200-1253) sowie aus China geflohene chinesische Mönche, welche Zen bekannt machten. In der Kamakura- (185-1333) und MuromachiZeit (1336-1568) waren in Japan vierundzwanzig Richtungen des Zen bekannt. Davon überlebten drei bis in die heutige Zeit Rinzai-Zen, Soto-Zen und Obaku-Zen.

Was ist Zen?
Das Wort Zen stammt vom chinesischen ch'an-na, das wiederum eine Lautimitation des Sanskrit-Begriffes dhyana ist, der schon in der indischen Tradition als Bezeichnung eines inneren Zustandes verwendet wurde, welcher sich in der Meditation ergibt. Da es sich bei dhyana um Herzensruhe handelt, wurde dieser Begriff auch mit ch'an-ting (jap. zen-jo, skt. samadhi) übersetzt. In Indien wurde sitzende Meditation seit dem Altertum als Weg zur Beruhigung des Herzens verwendet. Das Hauptwort dhyana hat seine Wurzel im Verb dhi, das "hinbringen" bedeutet. So sammelt dhyana das unruhige, begehrende, liebende und hassende Herz aus seiner Zerstreuung zu einem einzigen Punkt; man könnte es deshalb auch mit dem modernen Begriff "geistige Konzentration", übersetzen.

Man muss sich jedoch hüten, Zen als eine Konzentration zu verstehen, die sich auf einen Punkt fixiert und so unbeweglich ist. Zen-Konzentration muss im Gegenteil immer eine Konzentration sein, welche sich ohne weiteres und frei bewegen kann; eine absolute Konzentration, welche von nichts eingenommen und deshalb absolut frei ist.

So kann zum Beispiel ein Meister des Bogenschießens sein Herz auf Bogen und Pfeil konzentrieren und den Pfeil die Zielscheibe treffen lassen. Dies kann durch Übung erreicht werden. Auch durch die Übung der sitzenden Meditation (zazen) können Auge und Ohr schärfer werden als gewöhnlich.

Das Ziel der Konzentration im Zen-Buddhismus ist es nun, das eigene verwirrte und zerstreute Herz, sein Bewusstsein, in einem Punkt zu sammeln und des Wesenursprunges jeglicher Geistesregung und jeglichen Bewusstseins "selbst-gewahr" zu werden. Das Leben im Zen-Kloster zielt auf dieses "Selbst-Gewahrwerden", auf dieses Erwachen zum Ursprung des Herzens und Geistes.

Das tägliche Leben im Zen-Kloster
Zen ist, wie schon hervorgehoben, nichts vom Buddhismus Verschiedenes. Die buddhistischen Mönche des alten Indien formten Klostergemeinschaften (sangha), um dieses Erwachen zu erlangen. Das tägliche Leben in diesen Gemeinschaften war streng geregelt, und die Tradition dieser Klosterregeln setzte sich auch in China fort. Da aber die Gewohnheiten, Bräuche und klimatischen Verhältnisse Chinas sehr verschieden von denen Indiens waren, wurden auch die Regeln den unterschiedlichen Umständen angepasst und neu formuliert. Ein Zen-Meister der Tang-Zeit, Pai-chang (jap. Hyakujo, 749-814) fasste diese neuen Regeln für das tägliche Leben im Kloster erstmals in den "Alten Klosterregeln des Pai-chang" zusammen, und später wurden auf ihrer Basis viele andere Regeln verfasst, zum Beispiel die berühmten Regeln der Zen-Klöster (Ch'an-yüan ch'ing-kuei, jap. Zen'en shingi) aus dem Jahre 1103. Nach der Einführung des Zen in Japan sind wiederum neue Klosterregeln entstanden.

Das heutige tägliche Leben in japanischen Zen-Klöstern wird von diesen in Japan entstandenen Regeln bestimmt. Bis in die Einzelheiten wird durch sie der klösterliche Tages-, Monats- und Jahresablauf geregelt.

Im Kloster Tenryu-ji in Kyoto wird zum Beispiel das Jahr in zwei Übungsperioden aufgeteilt, die Sommer- und die Winterperiode. Die Zeit vom 15. April bis zum 15. Juli wird "Sommer-ango" genannt und die vom 15. Oktober bis Ende Januar "Winter-ango". Ango entspricht dem traditionellen indischen varsa; es bezeichnet einen neunzigtägigen Zeitraum, in dem man sich im Kloster ganz der sitzenden Meditation widmet. Während dieser zwei Perioden ist es im allgemeinen nicht erlaubt, das Kloster zu verlassen oder neu einzutreten; dies muß jeweils in den Zeiten zwischen den beiden ango erfolgen.

Während der dreimonatigen Übungszeiten wird eine Woche pro Monat ganz dem stillen und intensiven Üben der sitzenden Meditation gewidmet. In diesen "dai-sesshin" genannten Wochen stehen die Mönche jeden Morgen um drei Uhr auf (kaijo) und legen sich um elf Uhr nachts schlafen (kaichin). Untertags begeben sie sich dreimal ins Refektorium (jikido) für die Mahlzeiten und dürfen nur zu streng bestimmen Zeiten aufs WC; außerdem muss sich jeder einzelne dreimal pro Tag dem Meister unter vier Augen stellen (sanzen). Abgesehen davon ist der ganze Tag der sitzenden Meditation in der Meditationshalle (zendo) gewidmet; und diese Halle darf nicht ohne zwingenden Grund verlassen werden. In Indien nahmen die buddhistischen Mönche und Nonnen nur zwei Mahlzeiten am Vormittag zu sich, aber in den heutigen japanischen Zen-Klöstern wird auch ein Abendessen (yakuseki) eingenommen. So wird jeweils eine ganze Woche damit verbracht, in sitzender Meditation nach dem Weg des Buddha zu streben. Für Anfänger ist dies eine äußerst harte Übung.

Auch in den Wochen der beiden Übungsperioden, in denen keine sesshin mit intensiver Meditation stattfinden, ist das Leben genau geregelt. So gehen die Mönche an Tagen, die mit den Ziffern Drei, Sechs oder Acht enden, vormittags in der Stadt auf Almosengang und sammeln Spenden. An den Tagen, die mit einer Null, Zwei, Fünf oder Sieben enden, hören sie morgens während etwa zwei Stunden eine Vorlesung über Zen-Texte und lernen so etwas über "das Erwachen" von ZenMönchen,in alter Zeit. Nachmittags widmen sich die Mönche jeweils der Arbeit im Gemüsegarten und auf dem Klostergelände. An den Tagen, die mit Vier oder Neun enden (shikunichi), wird im Kloster und außerhalb geputzt. An diesen Tagen scheren sich die Mönche auch die Haare und dürfen ein Bad nehmen. Am Vierzehnten und Neunundzwanzigsten jeden Monats (dai-shikunichi) darf man neben den erwähnten Dingen auch andere Obliegenheiten erledigen, wie das Flicken von Kleidern oder die Behandlung von Verspannungen mittels Akupunktur oder Moxa (von jap. mogusa, Artemisia Moxa, deren getrocknete und geriebene Blätter auf der Haut aufgehäuft und verbrannt werden).

Auf diese Weise werden die Tage streng nach den Regeln und in Ruhe verbracht. Es wird darauf geachtet, dass die Mönchshalle und deren Umgebung zu allen Zeiten äußerst rein ist.

Der Tagesplan einer konzentrierten Meditationswoche (dai-sesshin) sieht wie folgt aus: Morgens drei Uhr ist Wecken, und nach einer Zeremonie muss jeder einzelne sich dem Meister stellen (sanzen). Um vier Uhr früh wird das Frühstück eingenommen (shukuza) , wonach sitzende Meditation (zazen) geübt wird. Nach dem Mittagessen (saiza) um zehn Uhr morgens wird wieder meditiert bis zum sanzen um ein Uhr nachmittags. Bis zum Abendessen (yakuseki) um vier Uhr wird wieder meditiert, und um fünf (Winter) oder um sechs Uhr (Sommer) stellen sich die Mönche dem Meister zum dritten Mal (sanzen). Bis zum Lichterlöschen um elf Uhr nachts wird anschließend wieder zazen geübt.

An den übrigen Tagen stehen die Mönche um vier Uhr früh auf und legen sich um zehn Uhr nachts schlafen. Abgesehen davon unterscheidet sich der Tagesablauf nicht wesentlich von der der intensiven Meditationswoche, außer dass tagsüber statt zazen zu praktizieren auf Almosentour gegangen wird, oder sonstige Arbeiten verrichtet werden. Die Morgen- und Abendmeditation findet immer statt.

Die Prinzipien des Klosterlebens
Arbeit, sitzende Meditation und Sutrenrezitieren werden im Klosterleben von alters her großgeschrieben. Im Zen-Kloster werden vor allem Arbeit und zazen betont. Einst sagte ein Zen-Meister der Tang-Zeit, Pai-chang (jap. Hyakujo), zu seinen Mönchen: "Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen". So hielt er sie zu einem Zen-Leben mit Arbeit an. Arbeit (samu) bedeutet sowohl körperliche wie auch geistige Arbeit.

Zusammen mit ihrem Meister arbeiteten die damaligen Zen-Mönche wie Bauern auf den Feldern, errichteten Gebäude wie Bauarbeiter und arbeiteten im Wald wie Waldarbeiter. Man kann wohl sagen, dass dies eine große Wende war, hatten sich doch vorher die Mönche in Indien mehrheitlich auf das Streben nach dem Buddha-Weg in stiller Meditation konzentriert. Das heutige Zen-Klosterleben in Japan steht auch in der Tradition des Arbeitsgeistes von Meister Pai-chang.

Neben der körperlichen Arbeit widmeten sich so die chinesischen Zen-Mönche auch der ruhigen, traditionellen Meditation; ihre Übung bildete also eine Einheit aus Bewegung und Ruhe. Folglich ist es auch nicht erlaubt, während der Arbeit laut zu reden, denn das erste Prinzip des Klosterlebens ist Schweigen. Vom Leben in der Mönchshalle sagt man auch: "Eine halbe tatami-Matte für den Tag, und eine tatami-Matte für die Nacht."

Beim Verfolgen seines Weges soll ein Zen-Mönch außer dem absolut lebensnotwendigen (Nahrung, Kleidung, Dach über dem Kopf) nichts begehren; er muss auf einfaches Leben achten und sich in Reinheit und Armut üben. Die Einfachheit wurde schon in Indien gefordert; wird doch vom Buddha überliefert, er habe in seinem Edlen Achtfachen Pfad, in welchem er die zur Erlösung führenden Verhaltensweisen zusammengestellt hat, auch den Rechten Lebensunterhalt, also Genügsamkeit, verlangt. Dies wird im berühmten indischen Sutra von den letzten Lehren des Buddha berichtet, und die buddhistischen Mönche Chinas haben sich auch daran gehalten. Das zweite Prinzip des Klosterlebens ist deshalb Genügsamkeit, oder Einfachheit. Die Zen-Auffassung des täglichen Lebens in Schweigen und Genügsamkeit hat großen Einfluss auf die chinesische Kultur ausgeübt, und auch fernöstliche ästhetische Ideale wie "raffinierte Einfachheit" und "stille Schönheit" sind auf diesem Boden gewachsen.

Klosterleben und Gegenwart
Man sagt, dass die moderne Gesellschaft im Banne der hochentwickelten Wissenschaft und Technik steht. Sicherlich hat die Entwicklung der Technologie in neuerer Zeit der Menschheit Wohlstand und Glück beschert. Gleichzeitig scheint es aber, dass sich die Technologie unbekümmert um die Menschen und ihr Wohlergehen frisch drauflosentwickelt. Dies kann man in allen industrialisierten Ländern beobachten, in Japan wie im Westen. Doch können die Bemühungen dieser hochentwickelten Zivilisation, jegliche Begierde des Menschen zu stillen, dem Menschen wirkliches Glück bringen? Die Begierden des Menschen sind grenzenlos. Wohin führt es, wenn versucht wird, durch Ausbeutung der beschränkten Ressourcen dieser Erde, die grenzenlosen Begierden der Menschen zu stillen? Führt dies nicht dahin, daß der Mensch durch die Erfüllung seiner Begierden mittels hochentwickelter Technologie sich am Ende selbst das Leben auf dieserErde unmöglich macht?

Wäre es nicht an der Zeit, dass wir modernen Menschen uns wieder der Lehre der Begierdearmut und Genügsamkeit erinnerten und dem Worte "Wer Genügsamkeit kennt, ist immer reich" unsere Aufmerksamkeit schenkten.

Doch Zen ist kein "ismus", der rücksichtslos alle Begierden unterdrücken und ausmerzen will. Es ist das Ziel der Zen-Übung, genau denjenigen in sich zu entdecken, der die geistige Kraft hat, die grenzenlosen Begierden der Menschen einzuschränken und zu beherrschen.
_____________________

Text: Hirata Seiko Roshi
Zen-Meister und Erzabt des Klosters Tenryu-ji in Kyoto
gestorben im Alter von 83 Jahren am 9. Januar 2008.