"Shin-komyo" - Das Leuchten des Herzens

Samstag, 23. September 2017 17:26

Eines Tages wurde Rikyu, der Begründer des Teewegs, von seinem Teelieferanten eingeladen. Und der Gastgeber war überglücklich, als Rikyu die Tee-Einladung in sein Haus annahm. Am Tag der Einladung liess es sich der Plantagenbesitzer nicht nehmen seinen hohen Gast zum Teeraum zu geleiten und ihm selbst den Tee zuzubereiten. Allerdings war er wegen seines berühmten Gastes so aufgeregt, dass seine Hand zitterte, der Teelöffel fiel ihm aus der Hand, und in seiner Aufre- gung stiess er auch noch den Teebesen um. Einer der Gäste, ein Schüler Rikyus, war davon so peinlich be- rührt,dass er sich schließlich abwandte.Aber Rikyu sagte nur zum Gastgeber : „Was für ein köstlicher Tee!“

Auf dem Heimweg fragte der Schüler seinen Meister: „Warum hat Dich diese schändliche und unbeholfene Tee-Einladung so beeindruckt?“ Und Rikyu antwortete: „Dieser Mensch hat mich nicht eingeladen, um vor mir mit seinen Fähigkeiten zu protzen. Er wollte mir ein- fach mit ganzem Herzen eine Schale Tee zubereiten. Seine Aufrichtigkeit hat mich tief berührt.“

Alle, die den Teeweg beschreiten, werden von ihren Lehrern immer wieder hören, dass wir nicht ganz allein für uns üben können.Wie sehr wir uns auch danach sehnen mögen, ganz bei und mit uns selbst zu sein; wir werden immer wieder feststellen müssen, dass das unmöglich ist. Immer und immer wieder kommen wir in Kontakt mit der Welt um uns herum. Warum also nicht gleich „Dabeisein“ in diesem ewigen Geben und Nehmen.

Hamamoto-sensei, eine der großen alten Meisterinnen des Teewegs wurde nie müde zu sagen, dass wir Schüler jeden Schritt im Teeraum so gehen müssten, als sei es unser letzter. Ich rufe mir das immer wieder ins Gedächtnis, wenn auch der Gedanke nicht besonders einladend zu sein scheint.Wenn es mir aber gelingt, dieses Gefühl der Vergänglichkeit in meinem Herzen für einige Zeit aufrecht zu erhalten, dann erkenne ich, wie zerbrechlich alles ist und wie wundervoll es ist, am Leben zu sein. Wenn ich dies wirklich fühle, dann breche ich ganz plötzlich durch meine Faulheit und Nachlässigkeit hindurch und bin tatsächlich in der Lage den Gast vor mir wirklich zu begrüßen. Und indem ich so gleichzeitig auch innerlich frage: „Wer bist Du?“, frage ich mich gleichzeitig: „Wer bin ich? Was ist das, das wir hier gemeinsam haben? Wie können wir einander helfen? Ist da etwas, was dringend getan werden muss?“ Vielleicht nicht, dennoch: lass uns gemeinsam Tee trinken!

Zu Beginn der Teezeremonie setzt sich der Gastgeber in den Eingang und begrüßt die Gäste mit: „Ich werde Euch jetzt eine Schale Tee zubereiten.“ Und wenn er die Teegeräte in den Raum gebracht und mit der Teezubereitung begonnen hat, wird er sagen: „Bitte macht es Euch bequem“ oder „bitte entspannt Euch.“ Nun ist es aber so, dass wir beim Tee im so-genannten Fersensitz Platz nehmen, das heißt, wir sitzen mit unserem Hinterteil auf den Fersen, den Körper aufgerichtet, die Hände im Schoß gefaltet und sind still. Dazu kommt noch, dass die Zeremonie ein ganze Zeit lang dauert, und es wird uns ziemlich schnell klar, dass diese Körperhaltung, die wir hier einnehmen, überhaupt nicht bequem ist und es auch nie sein wird.

Bei mir hat es doch einige Jahre gedauert, bis ich erkannt habe, was der Gastgeber damit wirklich sagen will: „Bitte macht es Euch bequem in der Situation, in der Ihr Euch gerade befindet“, was eigentlich sehr freundlich ist. Der Gastgeber versucht nicht, mir die Dinge zu erleichtern. Der Gastgeber erwartet auch nicht, dass ich mich nun bequem hinlege, die Beine von mir strecke oder den Raum jetzt verlasse, um einen Stuhl zu holen. Der Gastgeber wünscht uns alles Gute, weil er weiß, dass es nicht leicht ist, das durchzuhalten.

Im Buddhismus nennen wir diese guten Wünsche den Geist des Mitgefühls. Ein Bodhisattva weiß, wie schwierig das Leben ist, und ist bereit diese Schwierigkeit mit seinen Mitmenschen zu teilen. Und genau hier, inmitten dieser schwierigen Situation, handelt der Bodhisattva; macht es zum Beispiel möglich, seinem Freund eine Schale heißen, grünen Tee zuzubereiten.

Ich weiß nicht warum, aber manchmal ist eine Schale Tee so köstlich, dass man in Tränen ausbrechen möchte. Und auf der anderen Seite ist da diese Stimme: „Da muss es doch noch einen leichteren Weg geben! Warum ziehe ich nicht nach Hawaii und unterrichte den Teeweg dort am Strand?“

Gibt es denn diese Möglichkeit eines einfacheren Weges? Ist es in Wahrheit denn nicht so, dass ich - wo immer ich mich hinwende - mein Gegenüber schon da ist. Und was mache ich dann? Werden wir Freunde?

Ich sitze also fest - ich sitze fest mit dem, was das Bodhisattva-Gelübde genannt wird. Und das geht etwa so: „Niemand kann nach Hawaii auswandern, bevor alle glücklich und zufrieden sind“. Also, beeilen Sie sich bitte!

Und es kommt die Zeit, wenn der Gastgeber schließlich sagt: „Ich beende jetzt den Tee.“ Er reinigt die Teegeräte, bringt sie aus dem Raum und verabschiedet sich. Die Gäste verlassen still den Teeraum und kehren in ihre verschiedenen Leben zurück.Das Sitzen bei einer Tee-Einladung wirft bei mir immer wieder die Frage auf? Wie lange kann ich das durchhalten? Diese Frage bedeutet aber eigentlich: Kann ich es aushalten, mich nicht abzuwenden und den anderen wirklich wahrnehmen? Kann ich akzeptieren, dass man mich durchschaut mit all meinen kleinen und großen Fehlern? Kann ich meinen Gegenüber ganz annehmen, auch mit all seinen Unzulänglichkeiten und seiner Ungeschicklichkeit?

Es ist ganz leicht, den Teeplantagenbesitzer in Rikyus Geschichte zu mögen; was aber ist mit seinem Schüler, diesem arroganten Schnösel? Können wir auch den lieben?

Erinnern wir uns in diesem Moment wirklich daran, dass wir immer nur uns selbst gegenübertreten, uns selbst in der Form des Du, und Du in der Form des Ich…

"Unsere Herzen können nicht zerbrechen und brauchen deshalb auch keine Reparatur. 
Ebensowenig sind sie mangelhaft und brauchen deshalb auch keine Ergänzung.
Unsere Herzen müssen nur entdeckt werden, und wir müssen ihnen erlauben zu leuchten."

(Rabbi Menachem Mendel Schneerson)