"Enso" - Der Kreis

Montag, 1. Mai 2017 10:00

Bei meinem letzten Seminar in Tübingen hing in der Bildnische eine Schriftrolle aus dem Kloster Daitoku-ji mit einem grossen Tuschekreis. Dieser Kreis wird „Enso“ genannt und beinhaltet viele Bedeutungen. Vorm Zen-Standpunkt aus betrachtet, kann dieser Kreis nie perfekt sein; er spiegelt einfach den momentanen Geisteszustand des Künstlers wider. Darüber hinaus bietet uns ein tieferes Verständnis des „Enso“ allerdings weit mehr.

Wenn wir heutzutage die Zeitung aufschlagen oder Nachrichten hören, und selbst, wenn wir dies zu vermeiden suchen, so ist es uns doch fast unmöglich diesem Gefühl zu entkommen, dass wir und die ganze Welt im Moment einer ziemlich unsicheren Zukunft entgegenblicken.

Als ich Ende der 80er-Jahre auf meinen Seminarreisen in Israel einmal durch die Vermittlung von Freunden die Gelegenheit hatte eine der großen Meisterinnen zu treffen, die in einer kleinen Hütte am Rande der Wüste lebte, wurde meine Geduld auf eine schwierige Probe gestellt. Mehrere Tage lang wurde ich nicht vorgelassen; und als ich schon wieder etwas enttäuscht abreisen wollte, rief sie mich zu sich. Ich erklärte ihr, dass ich mich nun schon viele Jahre in Meditation übte und immer noch auf der Suche sei. Und da sich so viele Glaubensinhalte im Lauf der Zeit als Vorurteile oder platzende Seifenblasen erwiesen hatten und mir klar geworden war, dass die Lebensrealität oft unverständlich und ausgesprochen wechselhaft und der dauernden Veränderung unterworfen war, wollte ich von ihr wissen, worauf ich denn dann eine Art Vertrauen bauen könnte, das mich in Zukunft leiten und begleiten würde.

Sie sagte eine ganze Weile gar nichts, schaute mir lange in die Augen und antwortete schließlich:

„Du kannst immer Deiner Suche vertrauen. Wenn Du nach der Wahrheit suchst, bewegst Du Dich immer in die richtige Richtung.“

Dogen (1200-1253), der Gründer der Soto-Zenschule, lehrte, dass der Pfad der Übung immer ein Kreis ist, und dass somit die Übung und das Erwachen Eins sind. Wenn wir uns also hinsetzen um zu üben, still werden und uns genug öffnen, um zu erkennen, dass wir inmitten eines Mysteriums weilen, dann erkennen wir, dass wir auf diese Weise verbunden sind mit all den anderen Suchenden und Erwachten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Und es gibt uns vielleicht etwas von diesem Vertrauen, dass wir uns als ein Teil des Großen Kreises fühlen, der bis in die Morgenröte unserer Menschheit zurückreicht. Wir können unsere Vorfahren erkennen, die sich vom Ursprung aus über den ganzen Globus verteilten - vereint in Herz und Geist und vereint durch die Suche nach einer höheren, unzerstörbaren Wahrheit. In diesem Zusammenhang denke ich oft an die Worte des südafrikanischen Friedensnobelpreisträgers und Erzbischofs Desmond Tutu:

„Nur in der Freundschaft und Gemeinsamkeit können wir Menschen Gerechtigkeit und Frieden finden. Wir brauchen uns gegenseitig, um wirkliche Freiheit zu erlangen“.

Die Ureinwohner Australiens nennen uns Fortschrittsgläubige „line people“, weil wir in unserem eigenen globalen Wahnsinn vergessen haben, dass das Leben ein Kreis ist; und dass wir nicht nur untereinander verbunden sind, sondern auch gleichzeitig mit allem Lebenden - mit allem Sein.

Indem wir diese Schale Tee mit ganzem Herzen entgegennehmen, sie leicht heben und unseren Kopf beugen, erleben wir eine tiefe Dankbarkeit allen Seins gegenüber und spüren, dass wir ein Teil des Ganzen sind, indem wir diese Schale Tee mit anderen teilen.

In einer klaren Nacht sehen wir den vollen Mond am Himmel und erinnern uns an den Großen Kreis, in dem wir uns still die Hände reichen.