"Chado" - Der Teeweg

Dienstag, 14. Februar 2017 13:17

Ähnlich wie das Wort „Zen“, so ist auch das Wort „Teeweg“ eine eher unnötige Ablenkung. Unsere Frage gilt dabei nämlich der Frage: „Was ist der Teeweg?“ statt der Frage: „Wer bin ich?“. Dazu kommt die Tatsache, dass wir mit dem Teeweg auch die dafür notwendige Terminologie, Ideologie, Psychologie, usw. ausführlich studieren.

Der Teeweg kommt aus einer anderen Kultur zu uns, und da gibt es Probleme bei der richtigen Übersetzung. Was ist beimTeeweg universell? Was gehört zu seinem Wesen? Was ist sein menschlicher Wert? Was hingegen ist ist kulturgebunden, Dekoration, unnötiger Ballast? Und: Gibt es einen abendländischen Teeweg?

Dies alles zu untersuchen wird Jahre, wenn nicht Generationen in Anspruch nehmen. Und es kann nicht nur Theorie sein; es muss erfahren, wirklich durchlebt werden. Und der Teeweg kommt uns da, ähnlich dem Zenweg, nur wenig entgegen. Der Teeweg hat ohne Zweifel seine festen Traditionen und diese in Frage zu stellen wird als Entheiligung erfahren: „Dies ist unsere Tradition, unsere Überlieferung. wage es nicht, sie anzugreifen. Die Meister wussten schon, warum sie es so machten und nicht anders!“ Die Frage hier ist natürlich: Wissen wir es auch? Im Teeweg, wie im Zenweg, gibt es kaum Erklärungen, wodurch vieles missverstanden und missinterpretiert werden kann.

Das einzige, was der Teeweg wirklich „will“, ist auf uns selbst hinweisen, auf unser wahres Wesen: „Du bist es! Du, und niemand anderes!“ Alles andere haben wir uns ausgedacht, ist Ablenkung, ist ein Umweg, ist Nicht-Teeweg.

Der Schlüssel liegt - wie im Zen auch - in der Authentizität, im durch-und-durch erleben und persönlich erleben: dies ist der Teeweg!

In jedem von uns Tee-Übenden kommt der Teeweg durch unser Leben zum Leben. Durch unser persönliches Erleben kommt die Wahrheit zum Leben, wird sie lebendige Wahrheit.

Uns ganz zu bekennen, Zeugnis abzulegen, uns selbst zu akzeptieren, annehmen, kein Vermeiden und Flüchten, keine Vogel-Strauß-Politik mehr, kein Versteckspielen mehr mit uns selbst: das ist der Teeweg!

Wenn wir uns dies anschauen, so erkennen wir ganz klar, dass es DEN Teeweg gar nicht geben kann. Den Teeweg als etwas Allgemeines gibt es nicht; er ist ein Hirngespinst, über das viele Bücher geschrieben wurden und über das endlos diskutiert wird. Der Teeweg ist etwas ganz Persönliches. In jedem von uns Übenden kommt der Teeweg durch unser Tun zum Leben. Es gibt nicht so etwas wie den Teeweg der Urasenke oder den Teeweg der Omotesenke, einen chinesischen, japanischen oder abendländischen, christlichen oder buddhistischen Teeweg. Der Teeweg ist immer MEIN Teeweg, DEIN Teeweg, IHR Teeweg! Dies ist unser „Fleisch und Blut“, dies kann man sehen, kann man fühlen. Dies hat für uns praktischen Wert, gibt uns Richtung in unserem täglichen Tun und Lassen, zeigt uns, wo wir gerade im Leben stehen.Viele von uns verstecken sich in einem Urasenke-Teeweg, in einem Omotesenke-Teeweg, einem so-und-so genannten Teeweg, um der persönlichen Konfrontation aus dem Weg gehen zu können.Viele führen endlose Gespräche über den Teeweg, und es gibt ausführliche Untersuchungen, wie wertvoll der Teeweg oder Zen für den Westen sein kann. Der Teeweg wird manchmal wie warme Brötchen verkauft. Andere gibt es, die den Teeweg wie eine schwere Last mit sich herumtragen. Sie erinnern dabei eher an mittelalterliche Ritter in ihren schweren Rüstungen. Und es gibt Entdeckungsreisende, die weite und teure Reisen unternehmen, um den Teeweg zu suchen…

Wie ist das möglich? Etwas das es nicht gibt, wird geübt, wird gelehrt, verdreht den Leuten den Kopf, lässt andere sich in Kimono kleiden. Ist das nicht komisch?

Aber was geht uns das an?

Wenn wir SIND, ist das der Teeweg, ist das Zen! Anwesend sein in dieser einen Schale Tee! Wir sind uns selbst ein Spiegel, so wie wir uns selbst in unseren Gästen spiegeln. Und die strenge Form dient uns dazu festzustellen, wo wir uns gerade in diesem Augenblick befinden.

Lassen wir alle Ideen und Vorstellungen über den Tee- weg los. Fangen wir wirklich an, im Teeüben uns selbst und anderen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, ohne Vorurteile, Bedingungen,Verpflichtungen,Vergleiche. Dann entdecken wir, dass das, was wir suchen, schon immer vollkommen und offen da ist.

Und wenn wir meinen, dass wir davon abgeschieden sind, ist dies nur ein Missverständnis. Diese Abgeschiedenheit ist nur scheinbar, es ist eine Trübung, eine Illusion unsererseits.In unserem Teeweg zeigt sich, dass die Wahre Natur offen ist, anwesend, aufmerksam, umfassend, dankbar, strahlend, glücklich, behaglich. Hier gibt es nichts zu TUN! Nichts kann uns glücklich MACHEN, nichts kann uns unglücklich MACHEN.Wenn wir dies persönlich nicht als solches erleben, hängen wir noch am So-und- so-Teeweg. Auch hier gibt es nichts zu tun: Jedes Tun trübt die Sache nur noch mehr. Die Frage ist hier nicht: Was muss ich tun, sondern was muss ich lassen?

Und wir müssen Sorge tragen, dass der Teeweg, wie wir ihn heute finden, nicht zu einem Umweg wird.

„Ehe der Regen aufhört, hören wir einen Vogel.
Selbst unter dem tiefen Schnee
sehen wir Schneeglöckchen und neues Wachstum.“