"Kokoro" und die Heiligen Drei Könige

Freitag, 6. Januar 2017 08:00

"Kokoro wa hitotsu“ kann vielleicht wie „der Geist des Einsseins“ oder als „das Herz der Einheit“ aus dem Japanischen übersetzt werden. Und wir können uns dabei am besten eine Art Ort vorstellen; ein Ort der entsteht, wenn jeder von uns im Einklang mit seiner eigenen Natur lebt, oder auch buddhistisch ausgedrückt: wenn wir Eins werden mit der Wirklichkeit, mit dem, was gerade ISDies würde bedeuten, dass wir unsere Mitmenschen ganz einbeziehen, uns gegenseitig respektieren und ganz „in einem Herzen“ und „in einem Geist“ leben; in unserem eigenen kokoro. Nur wenige von uns erreichen diesen Ort, denn dorthin zu gelangen - ganz „in einem Herzen“ zu leben - ist harte Arbeit. Besonders dann, wenn wir uns unseren Vorurteilen, Klischees und Fehlbeurteilungen stellen müssen, die uns unser beschränkter Geist vorspiegelt. 

Diese Eingeschränktheit unseres Geistes erscheint uns zunächst sehr real, weil sie uns das sagt, was wir gern hören möchten. Sie bestätigt das (z. B. über andere Menschen), was wir gern bestätigt haben möchten. Und tatsächlich scheint uns dies oft auch ganz vernünftig und klar. Wir sehen uns nicht gern als jemand, der Vorurteile hat oder dass unsere Sichtweise eingeschränkt ist. Es braucht sehr viel Mut, dies alles loszulassen.Wir können vielleicht nie ganz unsere Vorurteile und Klischees überwinden, die wir mit uns herumtragen, denn es könnte ja auch ein Körnchen Wahrheit in all dieses Vorurteilen stecken.  Aber wenn es uns gelingt, dies wenigstens für einen Moment loszulassen und sie nicht als Wirklichkeit hinzunehmen, dann sind wir vielleicht in der Lage einen Blick auf die Wahrheit dahinter zu werfen und das alles zu transzendieren. In der Wirklichkeit hat sich dann vielleicht gar nichts verändert, aber wir sind für einen Moment „Zuhause“ angekommen - in der Einheit des Herzens und des Geistes.

Wir können das Wort „Kokoro“ natürlich auch mit dem westlichen Begriff „Seele“ übersetzten, was dem japanischen Verständnis vielleicht sogar am nächsten kommt. Der Ausdruck „kokoro zuyoi“, der wörtlich die beiden Begriffe „Herz“ und „Stärke“ in sich vereint, beschreibt jemand, der ein „starkes Herz“ hat, jemand, der sich im natürlichen Zustand der „ungeschminkten Wahrheit“ bewegt, jemanden, dem wir vertrauen können. 

"Kokoro nashika“ ist ein anderer interessanter Begriff, der oft vor einer Aussage gebraucht wird, von deren Inhalt wir nicht ganz überzeugt sind; etwa so: „...das ist wahrscheinlich nicht ganz „kokoro“, aber…“. Ganz ähnlich, wie das Wort kosher (inzwischen nicht nur) von Juden gebraucht wird. „Ich liege vielleicht ganz falsch, aber…“.

Diese Beispiele zeigen uns, dass das „Herz des Einsseins“ nichts anderes ist als die Wahrheit. Es ist hier allerdings notwendig einen Unterschied zwischen dem Wahrheitsverständnis des Ostens (hinduistisch/buddhistisch) und der westlichen Welt mit jüdisch/christlich/muslimischen Hintergrund hervorzuheben. Es gibt hier gewissermassen zwei Wahrheiten: die eine Wahrheit (Dharma) sagt, dass wir uns die Welt in jedem Leben durch unsere eigenes Tun (karma) erschaffen, dass wir aber letztendlich alle miteinander verbunden sind ,und dass wir dieses Einssein durch die Erleuchtung wahrnehmen (Buddha, satori) können.

Und die „andere“ Wahrheit (Epiphanie oder Göttliche Offenbarung), die direkt auf einen jüdisch/christlichen/muslimischen Gott zurückgeht, der die Welt erschaffen hat und uns Seine Wahrheit zum Leben gegeben hat und uns das ewige Leben mit Ihm im Himmel geschenkt hat.

Prof. Dr. Glenn Webb, mit dem ich nach dem Symposium anlässlich der europäischen Teekonferenz in Rom über dieses Thema sprach, machte mich darauf aufmerksam, dass dieses „Herz des Einsseins“ in unserem westlichen Verständnis des jüdisch-christlich-muslimischen Hintergrunds eben diesem Begriff „Epiphanie“ gleichkommt (gr. Erscheinung, Menschwerdung und Selbstoffenbarung Christi, Dreikönigsfest, Erscheinungsfest).

Kokoro kann so sowohl vom Osten wie auch vom Westen wahrgenommen werden, wenn auch unterschiedlich in der Weise, wie die Wahrheit erkannt wird. Letztendlich, so scheint es, hat das kokoro dennoch die beiden - Dharma und Epiphanie - vereinigt.

Das Wort „Epiphanie“ selbst kann auch als „der Geist Gottes“, als „Wahrer Geist“ oder auch als einfache „Wahrheit“ definiert werden. Für Christen ist dies eine starke Aussage, denn sie bezieht sich auf einen Augenblick in dem Gott auf Erden in Jesus von Nazareth als Messias eine menschliche Form angenommen hat.

 In vielen christlichen Kirchen feiern wir das Erscheinungsfest am 12. Tag nach Weihnachten, der gewöhnlich auf den 5. oder 6. Januar fällt und eines der „Drei Wunder“ des Christentums markiert:

1. Der Tag der „Heiligen Drei Könige“, von dem überliefert wird, dass "drei weise Männer aus dem Osten“ den Stall in Bethlehem besuchten, in dem das Christuskind lag.

2. Die Taufe von Jesus im Jordan durch Johannes, den Täufer, zu deren Anlass Gott verkündete, dass Jesus in die Welt gekommen sei, um allen Menschen die Erlösung zu bringen, egal ob Juden oder Nicht-Juden.

3. Als Jesus das Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana vollbrachte.

Die ersten beiden Begebenheiten sind besonders wichtig, weil sie den Gott der Juden zu einem Gott aller Menschen erklärt. Die erste Begebenheit, weil die „weisen Männer“, die zu dem Stall aufgebrochen waren, aus Persien (Iran) kamen und keine Juden waren. Und die Taufe, weil Gott in den Schriften hier alle Menschen zu seinen Kindern machte - durch seinen Sohn Jesus Christus. Und schließlich die Verwandlung von Wasser in Wein, die die Menschwerdung Gottes symbolisiert.

Das Wort „Epiphanie“ bedeutet also das „Göttliche“ in unserem menschlichen Leben - eine plötzliche, tiefe Einsicht, Erhebung oder einen Moment der Erleuchtung (nicht unähnlich der Erleuchtung im Buddhismus, die sich allen Erklärungs- und Beschreibungsformen entzieht).  Dieses Göttliche „leuchtet“ jedem ein, der in einer gläubigen jüdischen, christlichen oder muslimischen Familie aufgewachsen ist. Und wagen wir einmal das Wort Epiphanie in ein Verb umzuwandeln, symbolisiert es die transzendentale Weisheit und ist gleichbedeutend mit „glänzen“ und „leuchten“.

Für einen Christen ist so das Wort kokoro  eigentlich nur als der „Geist Gottes“ zu verstehen, tief versteckt in den Tiefen unseres menschlichen Herzens. Auf der anderen Seite kann das Wort kokoro für Menschen, die weder Japaner noch Christen sind, am besten als „Wahrer Geist“ oder vielleicht auch als „Innere Stimme“ verstanden werden, die jede menschliche Beschränkung in diesem Augenblick überwunden hat.

"Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun, 
aber keine Ochsen und Esel schaun; 
so sind wir nicht am rechten Ort
und ziehen unseres Weges weiter fort."

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749 - 1832)